bodenlos – brotlos – chancenlos Nachlese

Zusammenhänge von Bodenverlust und Ernährungssicherung

1. Oktober 2015, 18:00 Uhr
RadioKulturhaus, Großer Sendesaal
1040 Wien, Argentinierstraße 30a
Austria

Bodenverluste gefährden Nahrungsmittelversorgung

Verstädterung, Klimawandel, Erosion und Wüstenbildung graben der Menschheit den Boden ab. Über die Chancen, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, diskutierten ExpertInnen auf Einladung von Ökosozialem Forum und IUFE.

Boden ist die dünne Haut der Erde, die Leben erst ermöglicht. Er enthält die Nährstoffe für das Pflanzenwachstum, reinigt Wasser und Luft, speichert Wasser und Kohlenstoff und ist damit für das Klima von unschätzbarem Wert. „Boden atmet“, sagt Bodenforscherin Sophie Zechmeister-Boltenstern von der Universität für Bodenkultur. Das kann er aber nicht mehr, wenn er versiegelt ist, also mit Einkaufszentren oder Autobahnen zubetoniert wird. Es gibt rund 100.000 Bodentypen, die mit verschiedenen Organismen besiedelt sind. Wenn ein Boden einmal zerstört ist, dann ist er unwiederbringlich verloren. Durch verschiedene Maßnahmen lässt er sich vielleicht wieder einmal für die Nahrungsmittelproduktion verwenden, aber das ist ein sehr langsamer und äußerst mühsamer Prozess. Bei der landwirtschaftlichen Nutzung gilt es lokales Wissen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu verbinden. Kleinbauern erzeugen 70 Prozent der Lebensmittel weltweit, oft in Subsistenzwirtschaft. Ihr Wissen über Boden und Klima ist immens wertvoll.

Bodenverlust ist ein globales ein Problem. Die größten Verursacher sind der Klimawandel und falsche landwirtschaftliche Bearbeitung. Übernutzung und Brände sind weitere Gründe. Eine Fläche von dem Doppelten des österreichischen Staatsgebietes erodiert weltweit jedes Jahr. Böden, die nicht mehr als Lebensgrundlage für die Bevölkerung dienen können, wirken als Pushfaktor für Migration. Bis 2050 könnten bis zu einer Milliarde Menschen auf der Flucht sein, sagt Sven Walter vom UN-Wüstensekretariat und macht damit die Dimensionen des Problems deutlich. Bis zu 660 Millionen Menschen könnte es nach Europa ziehen. Somit ist von der Ausdehnung der Wüsten indirekt auch Europa betroffen. Mit den Ende September in New York von der UN verabschiedeten Sustainable Development Goals sind alle Staaten gefordert. Bis 2030 soll der Bodenverlust gestoppt werden. Jedes Land ist muss künftig genau erfassen, wo innerhalb seiner Grenzen Landdegradation stattfindet und die Fortschritte zum Bodenschutz in einem Monitoring dokumentieren. Die genauen Indikatoren dazu werden im März 2016 festgelegt.

In Europa ist die zunehmende Verstädterung tatsächlich die größte Gefahr für den Boden. Traditionell wurden Siedlungen in Gunstlagen gebaut. Die daraus wachsenden Städte befinden sich also meist auf – früher – sehr fruchtbarem Boden, der für die Nahrungsmittelproduktion heute jedoch nicht mehr zur Verfügung steht. Die Europaabgeordnete Elisabeth Köstinger weist darauf hin, dass Raumordnung keine europäische Kompetenz ist, nicht einmal Bundeskompetenz, sondern von Ländern und Gemeinden gemacht wird. Auch unser Lebensstil trägt zum Bodenverbrauch bei. Etwa die Hälfte des Fleisches in den österreichischen Supermärkten wird über Aktionen abgesetzt. Aber billig gibt es nicht – irgendwer zahlt immer. Bei uns sind es die Bauern, weil mit Massentierhaltungsbetrieben in Niedersachsen können wir über den Preis nicht konkurrieren. Und unsere Wegwerfgesellschaft tut ein Übriges. 42 Prozent der Lebensmittelmittelabfälle stammen aus Privathaushalten. Lebensmittel und Boden müssen wieder wertgeschätzt werden.

Dem Befund pflichtet Henning Melber, Politologe an der Dag Hammarskjöld Stiftung, bei. Wir verhalten uns wie die Raupe Nimmersatt. Nur wird aus ihr kein schöner Schmetterling wie in dem bekannten Kinderbuch, sondern ein Monster. Wir lassen im Herbst unsere heimischen Äpfel unter den Bäumen verrotten. Stattdessen fahren wir in den nächsten Supermarkt, um Pink-Lady-Äpfel aus Neuseeland zu kaufen. Die landwirtschaftlichen Flächen weltweit reichen prinzipiell aus, um die Bevölkerung dieses Planeten zu ernähren. Die „veränderte Form der Landnutzung“ – rund 400 Quadratkilometer sind weltweit betroffen, die Hälfte davon in Afrika – stellt hingegen ein Problem dar. Mit dieser Formulierung setzt Melber die Phänomene, die unter dem Begriff „Landgrabbing“ bezeichnet werden, in einen historischen Kontext. Auch Kolonisierung war eine Form der Landnahme. Dem Engagement Chinas in Afrika wird nur deswegen so viel Beachtung geschenkt, weil China ein verhältnismäßig neuer Player auf der weltpolitischen Bühne ist. Eine Politik, die den Zugang zu Ressourcen sichert, ist aber keine Erfindung der Chinesen. Das machen die Europäer schon seit Jahrhunderten und Europa ist nach wie vor wichtigster Wirtschaftspartner Afrikas. Was die Chinesen aber von den Europäern unterscheidet, ist eine strikte Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, was den Eliten in den jeweiligen Ländern entgegenkommt.

Die Zahl der Hungernden und unterernährten Menschen beträgt laut FAO aktuell 795 Millionen. 72 von 129 Ländern haben das Millenniumsziel 1c (Halbierung des Hungers im Zeitraum von 2000 bis 2015) erreicht. Subsahara-Afrika hat in diesem Bereich die schlechteste Entwicklung zu verzeichnen. Und das obwohl die Nahrungsmittelproduktion um ein Drittel gesteigert werden konnte. Die Ursache liegt, so der Politikprofessor Belachew Gebrewold vom Management Center in Innsbruck, im Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Landgrabbing, Klimawandel, unregelmäßiger Regen, Migration, bewaffnete Konflikte, politische Instabilität. Das Recht auf Nahrung ist ein Grundrecht. Aber es geht dabei nicht um ein Recht auf Nahrungsmittel, sondern um ein Recht auf die geeigneten Rahmenbedingungen für die Nahrungsmittelproduktion. Sollen die Sustainable Development Goals bis 2030 Realität werden, kann dies nicht ohne die Beteiligung der Bauern funktionieren – ohne Demokratie keine SDGs. Die Industrieländer haben eine historische Verantwortung. Nur: Wo jeder verantwortlich ist, ist letztlich keiner verantwortlich. Derzeit fehlt noch das Bewusstsein, dass Hunger auch unser Problem ist. Aber das Interesse der Jugend an der Welt wächst – und das ist ein gutes Zeichen.

im Bild von links nach rechts

Moderator Johannes Kaup, ORF-Journalist

Sven Walter, Leiter des „Land, Security and Resilience"-Programms der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (Globale Mechanismen)

Sophie Zechmeister-Boltenstern, Professorin für Bodenkunde und Bodenmikrobiologie, Leiterin des Instituts für Bodenforschung, Universität für Bodenkultur Wien

Elisabeth Köstinger, Präsidentin des Ökosozialen Forums Europa, Abgeordnete zum Europäischen Parlament, Mitglied im Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung

Henning Melber, Direktor emeritus der Dag Hammarskjöld Stiftung, Professor am Institut für Politikwissenschaft der University of Pretoria, Professor am Center for Africa Studies, University of the Free State, Bloemfontein (Südafrika)

Belachew Gebrewold, Professor für Internationale Politik und Leiter von Department & Studiengänge Soziale Arbeit, Sozialpolitik und Sozialmanagement am Management Center Innsbruck

 

Eine Veranstaltung in Kooperation mit

 

 

 

 

Faktensammlung

Interessante Fakten zu Bodenverlusten und Ernährungssicherung.

Diskussionsveranstaltung "bodenlos - brotlos - chancenlos"

Weniger als ein Drittel der Oberfläche unserer Erde entfällt auf Landfläche und lediglich zwölf Prozent der Erdoberfläche sind landwirtschaftlich nutzbar. Täglich nimmt die Fläche, die eine stetig wachsende Weltbevölkerung ernähren soll, ab. Pro Jahr gehen 20 Milliarden Tonnen Boden verloren. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von Verbauung über Wassermangel und Erosion bis zu falscher Bodenbearbeitung. Über die Zusammenhänge von Bodenverlusten und Ernährungsunsicherheit sowie über die Möglichkeiten, beides einzudämmen diskutierten international anerkannte Expertinnen und Experten am 1. Oktober im Radiokulturhaus in Wien.

Für die Veranstalter begrüßten Hans Mayrhofer vom Ökosozialen Forum und Franz-Joseph Huainigg vom Institut für Umwelt, Friede und Entwicklung.

Podcast

Eine Zusammenfassung der Diskussion können Sie auch in unserem Podcast nachhören.

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