Welternährungstag 2010
United against Hunger
United against Hunger
Presseaussendung, 5. Oktober 2010
United against Hunger: Ausmaß und Art der Hilfe sowie konsequente Politik entscheiden über den Erfolg in der Hungerbekämpfung
Utl.: Anlässlich des internationalen Welternährungstages fordern ExpertInnen der Entwicklungszusammenarbeit mehr finanzielle Mittel, eine klare Ziel- und Resultat-orientierung sowie eine bessere Abstimmung aller Politikbereiche im Kampf gegen den Hunger.
Das Menschenrecht auf Nahrung wird in zahlreichen Ländern dieser Erde nach wie vor mit Füßen getreten. 925 Mio. Menschen haben keinen Zugang zu ausreichender und gesunder Nahrung. Alle sechs Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen von Hunger. Obwohl sich nach der Nahrungskrise 2007/ 2008 die Situation scheinbar entspannt hat und für 2009 erstmals seit langem wieder sinkende Zahlen von hungernden Menschen berichtet werden, hat sich an den strukturellen Ursachen wenig geändert. Im Sommer 2010 haben steigende Nahrungsmittelpreise in mehreren Ländern neuerlich zu starken Protesten geführt. Von dem Millenniums-Ziel, die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 zu halbieren, ist man weit entfernt.
Dieses Scheitern der internationalen Staatengemeinschaft hat mehrere Gründe. Zugesagte finanzielle Mittel wurden schuldig geblieben, die ohnedies geringen Förderungen fließen nur zu einem geringen Teil in die konkrete Projektarbeit auf lokaler Ebene und kommen somit kaum den ärmsten Bevölkerungsgruppen zugute, die Spekulationen auf Agrar-Rohstoffe haben stark zugenommen, Landkäufe im großen Stil missachten die Rechte der lokalen Bevölkerung. Eine Abstimmung aller Politikbereiche auf das gemeinsame Ziel der Hungerbekämpfung fehlt bis heute. So analysieren internationale ExpertInnen der Entwicklungszusammenarbeit einige der offenen Widersprüche bei einer gemeinsamen Veranstaltung von Ökosozialem Forum, Lebensministerium, FIAN Österreich und der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (OEZA) zum Welternährungstag 2010 in Wien.
Fehlende Kohärenz erschwert Hungerbekämpfung
Ein drastisches Beispiel für fehlende Kohärenz der Politik ist die Landwirtschaft und die ländliche Entwicklung in Afrika. Südlich der Sahara sind die Menschen besonders stark vom Hunger betroffen. Die Mehrheit von ihnen lebt im ländlichen Raum. In Mozambique beispielsweise können sich manche Familien gerade einmal acht Monate im Jahr selbst ernähren. Lediglich 5 Prozent der Mittel der Entwicklungszusammenarbeit fließen global in diesen Bereich. Viel zuwenig, um die Menschen von Nahrungsmittelhilfe unabhängig zu machen. Gleichzeitig überschwemmen subventionierte Lebensmittelexporte aus den Industrienationen die lokalen afrikanischen Märkte und zerstören die noch vorhandenen landwirtschaftlichen Strukturen. Hier werden seit Jahren entwicklungspolitische Ziele durch andere politische Interessen zurück gedrängt. Diese inkohärente Politik bremst die erfolgreiche Hungerbekämpfung.
Niki Berlakovich, Landwirtschafts- und Umweltminister: „Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln ist Aufgabe der Landwirtschaft“
Berlakovich spricht sich für ein klares Bekenntnis zur Hungerbekämpfung aus: „Die Versorgungssicherheit mit Nahrungsmitteln ist eine zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Österreich unterstützt dabei ein entschlossenes, gemeinsames Vorgehen zur Herstellung einer globalen Versorgung. Die nachhaltige Produktion von Nahrungsmitteln zur Sicherung der Welternährung bleibt die zentrale Aufgabe der Landwirtschaft“, so Landwirtschafts- und Umweltminister Niki Berlakovich. Das Lebensministerium leistet im Bereich der Nahrungsmittelhilfe Beiträge an ausgewiesene Projekte anerkannter Organisationen. Beispielsweise wurden heuer ein FAO-Saatgutprojekt in Moldau, ein Soforthilfeprojekt in Nicaragua sowie zwei Projekte des UNO-Welternährungsprogrammes zugunsten der Erdbebenopfer in Haiti, der Flutopfer in Pakistan sowie zugunsten vom Hunger gefährdeter Personen in Mozambique unterstützt.
Irene Freudenschuss-Reichl, Leiterin Österreichische Entwicklungszusammen-arbeit im Außenministerium: „Globale Marktmechanismen und Gewinn nicht höher bewerten als Existenzsicherung der lokalen Bevölkerung“
„Auch in den Partnerländern der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (OEZA) sind Hunger und Mangelernährung weit verbreitet - in den Elendsvierteln der Städte und in entlegenen ländlichen Gebieten. Wir ermöglichen vielen Menschen den Zugang zu angemessener Ernährung tragen damit zum Menschenrecht auf Nahrung bei. Globale Marktmechanismen und Gewinn dürfen nicht höher bewertet werden als die Existenzsicherung der lokalen Bevölkerung, vor allem wenn es um die Verteilung und Nutzung von Land und natürlichen Ressourcen geht. Ich bin der Ansicht, dass jedes Land über seine Nahrungsmittelproduktion und damit über die Ernährung autonom bestimmen sollte. Entsprechend den Empfehlungen des Weltagrarberichts 2008 halten wir multifunktionale, kleinbäuerliche Strukturen und deren sozial und ökologisch nachhaltige Produktion für den besten Weg, um die lokale Versorgung zu sichern.“
Gertrude Klaffenböck, FIAN Österreich: „Dem Bekenntnis der Regierung zum Recht auf Nahrung müssen Taten folgen.“
„Als Partnerin in der internationalen Staatengemeinschaft ist die österreichische Regierung aufgerufen, sich seiner menschenrechtlichen Verpflichtung auch gegenüber Menschen in anderen Ländern zu stellen. Das Recht jedes Menschen frei von Hunger zu sein, muss Ausgangsbasis für nationale, europäische und internationale Politik sein“, meint Gertrude Klaffenböck von FIAN Österreich. Landraub an armen KleinbäuerInnen muss gestoppt werden und Agrargroßinvestitionen brauchen eine klare Steuerung, die sich am Bedarf der kleinbäuerlichen, nachhaltigen Landwirtschaft für lokale und regionale Nahrungsmittel-versorgung orientiert. „Wenn in einer Woche das FAO-Komitee für Welternährungssicherung zusammentritt, werden dort Weichen für weitere Steuerungsmechanismen gestellt. Daneben ist seit mehr als einem Jahr auf UN-Ebene ein Beschwerdeverfahren für die wirtschaftlichen und sozialen Rechte zur Ratifizierung für Staaten eröffnet. Das sind zwei konkrete Möglichkeiten, bei denen die österreichische Regierung ihrem Bekenntnis zum Recht auf Nahrung Taten folgen lassen könnte – so sie es denn auch wirklich ernst meint.“, so Klaffenböck
Klemens Riegler-Picker, Ökosoziales Forum: „Stufenplan für Entwicklungshilfe trotz Sparbudget“
„Die Entwicklungszusammenarbeit ist Überlebenshilfe für die Menschen in den ärmsten Ländern der Erde. Gerade jetzt dürfen die Mittel nicht gekürzt werden – im Gegenteil: Österreich muss mit einem ambitionierten Stufenplan für die Entwicklungshilfe noch im heurigen Herbst zeigen, dass es seine internationalen Zahlungsverpflichtungen einhält. Andere EU-Länder schaffen das ja auch – trotz Krise“, betont Klemens Riegler-Picker, der Geschäftsführer des Ökosozialen Forums. „Die Bekämpfung von Hunger in den Ländern des globalen Südens darf nicht unter die Räder anderer Politikbereiche Österreichs und der Europäischen Union kommen. Das erfordert ein abgestimmtes Vorgehen vor allem in der Handels-, der Agrar- und der Steuerpolitik. Die Anliegen der Menschen in Europa und der Menschen in den ärmsten Ländern der Erde dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.“
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